OXIDATION

Alter Südbahnhof Trier

Mai 2009


Erörterung zur Ausstellung OXIDATION von Christina Biundo

 

Dorothee Reichert hat ihre Ausstellung mit OXIDATION betitelt. Sie verweist dabei auf eine künstlerische Technik, derer sie sich bei den aktuellen Arbeiten bedient hat. Neben Acrylfarbe und Sand erhält das Element Rost eine tragende Rolle in ihren Arbeiten. Dieser Rost entsteht in einem Oxidationsvorgang zwischen einem eisenhaltigen Stoff mit Feuchtigkeit und Sauerstoff. Die „Verrostung“ als bildnerisches Mittel unterliegt auf der einen Seite der Anlage der Künstlerin auf der anderen Seite aber entwickelt der Oxidationsvorgang eine enorme Eigendynamik, die sich nicht wirklich lenken lässt. Die Dinge der chemischen und physikalischen Prozesse nehmen ihren Lauf. Die Kunst in diesem Moment des Prozesses, in dem Chronos ins Spiel kommt, ist es, anzunehmen. Das anzunehmen, was geschieht. Am Ende steht die Entscheidung, ob der Vorgang, der sich eigenständig, nur mit initiativer Anlage vollzogen hat, in das Bild eingeordnet werden kann, das sich die Künstlerin in der Planung der Arbeit gemacht hat, oder nicht. Passt der Rost zu der Idee, oder hat er sich in den Vordergrund gedrängt, und die Idee dominiert. Hier geht es um Ordnung und Ordnungsprinzipien.

In der Entstehung aller Kunst spielen technische, inhaltliche und formale Kriterien tragende Rollen. In der Vorstellung des Kunstschaffenden, vollzieht sich auf dem Hintergrund von Weltvorstellung, Erinnerung, Phantasie, Gedanken, Erlebnissen, Ängsten, Nöten, Wünschen und so weiter eine Idee, die sich in einer künstlerischen Handlung oder einem künstlerischen Prozess äußert. Dieser Prozess unterliegt dann in der Folge einem individuellen Ordnungsprinzip. Nicht jeder Künstler, der eine Blume malen möchte, malt sie gleich. Das Prinzip der visuellen und gedanklichen Ordnung befördert diesen Vorgang.

Diesem Begriff der Ordnung kommt meiner Meinung nach in den hier vorliegenden Arbeiten eine ganz zentrale Rolle zu. In der Betrachtung der Bilder ist auffällig, dass sie thematisch in der abstrakten Malerei anzusiedeln sind. In keinem Bild sind reale Dinge oder Menschen zu sehen. Der Bildinhalt entwickelt sich aus einer Idee von Formen und deren Komposition im Bild. Dabei bleiben die Formen aber keine rein formalen Bildkriterien, sondern sie werden zu Inhalt tragenden Elementen. Fast hat man den Eindruck, dass in den Arbeiten von Dorothee Reichert eine zweite, anders geordnete Welt entsteht. Sanft, ungreifbar, unter einer Schicht von nebelartigem Farbauftrag ordnet sie die Dinge der Welt neu. Lässt alte Vorstellungen und Ordnungsprinzipien, zugunsten neuer los. Sie überlässt dem Rost einen Teil der Ordnung der Dinge und Vorstellungen. Sie übergibt der Zeit eine Verantwortung und Rolle, die ich in der, dieser Werkgruppe vorangegangenen nicht erkennen oder spüren kann. Die aktuellen Arbeiten sind gekennzeichnet von einer ungeheuren Dynamik, die wie in dem Triptychon OXIDATION offensichtlich wird, den Rahmen des Bildes verlassen. Diese Dynamik sprengt sozusagen den Rahmen und greift in ihrer Form über auf die reale Welt. Auch in diesem Moment lässt Dorothee Reichert wieder los und akzeptiert erneut einen Prozess, den sie nicht steuern kann. Was geschieht in der Fortsetzung des Bildinhaltes in dem Zusammenhang mit den realen Dingen dieser Welt? Wohin führen Sie? Hält das Bild das aus? Trägt der Bildinhalt diese Zerreißprobe oder fällt das Bild in der Konfrontation auseinander?

 

Die künstlerische Frage, die hinter dieser Idee steckt, ist wieder die Frage der Ordnung. Hält das von der Künstlerin gewählte Ordnungsprinzip das aus? Oder stören der Rost und die Oxidation in ihrer ineinander greifenden Eigendynamik die Ordnung, die ihrer individueller Weltanschauung entspringt, so sehr, dass sie die zugrunde liegenden Gedanken nicht mehr befördern?

Meiner Meinung nach, wurde in dieser hier ausgestellten Werkgruppe einen Schritt vollzogen, der den künstlerischen Prozess enorm voranbringt. Die Infragestellung von Ordnungsprinzipien lässt den anderen Blickwinkel zu. Der Horizont weitet sich und vieles ist möglich. Einer Neuordnung der Dinge auf der Bildoberfläche durch das Einbeziehen des unwägbaren Faktors, liegt eine, die Wirklichkeit akzeptierende Lebenshaltung zu Grunde. Die Dinge verändern sich. Unweigerlich. Die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Verdeckt und entdeckt. Lässt einiges unter der Oberfläche verschwinden und bringt Vergessenes an einer anderen Stelle wieder ans Licht. Die Bildende Kunst hat auch immer etwas mit dem Leben des Kunstschaffenden zu tun. Sie ist auch immer Momentaufnahme von Gedanken, Gefühlen und Ordnungsprinzipien. Somit in ihrer Aktualität immer auch dem Verfall unterworfen. Die Zeit verändert die eigene Lebenswirklichkeit, genau wie die Oxidation die Bildwirklichkeit verändert hat. Verändert und bereichert.

 

Ich beglückwünsche Dorothee Reichert zu diesem Werkzyklus. Er ist formal und inhaltlich sehr ausdrucksstark und gibt eine wunderbare Momentaufnahme ihres künstlerischen Schaffens. Die Idee loszulassen und einem unwägbaren Faktor einen Teil der Gestaltung zu überlassen funktioniert. Sowohl im Bild immanenten Inhalt wie auch im Übergreifen auf die reale Welt. Wie der künstlerische Werdegang der Ausstellenden weitergeht, kann an diesem Punkt nicht wirklich abgesehen werden. Zu sehen ist allerdings, dass die Künstlerin noch lange nicht am Ende des Prozesses angekommen ist. Bestimmt gibt es noch Wendungen mit ungeahnten Neuordnungen in ihrem Werk zu bestaunen. Ich freue mich darauf und wünsche in diesem Prozess viel Offenheit und die Bereitschaft ungewöhnliche Wege zu neuen Horizonten zu gehen.

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